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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 10. Mai 2017

GET OUT (2017)

Regie und Drehbuch: Jordan Peele, Musik: Michael Abels
Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener, Bradley Whitford, Caleb Landry Jones, Lil Rel Howery, Stephen Root, Betty Gabriel, Marcus Henderson, Lakeith Stanfield
 Get Out
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 99% (8,3); weltweites Einspielergebnis: $253,4 Mio.
FSK: 16, Dauer: 104 Minuten.

Der New Yorker Photograph Chris Washington (Daniel Kaluuya, "Sicario") ist leicht beunruhigt: Seit fünf Monaten ist er mit seiner Freundin Rose Armitage (Allison Williams, TV-Serie "Girls") zusammen, nun soll er ihre wohlhabende, auf dem Land wohnende Familie kennenlernen – die, wie (die weiße) Rose ihm gesteht, keine Ahnung hat, daß er schwarz ist. Zwar versichert Rose ihm, daß das überhaupt kein Problem sei, da ihre Eltern sehr liberal eingestellt seien, aber eine gewisse Skepsis bewahrt sich Chris – zumal ob der Warnungen seines besten Freundes Rod (der Comedian Lil Rel Howery). Und tatsächlich werden Chris' Befürchtungen ziemlich schnell bestätigt. Zwar wird er freundlich, gar überschwänglich begrüßt von Roses Eltern Dean (Bradley Whitford, "The Cabin in the Woods") – einem Neurochirurgen – und Missy (Catherine Keener, "Can a Song Save Your Life?"). Spätestens mit der Ankunft von Roses ungehobeltem jüngeren Bruder Jeremy (Caleb Landry Jones, "Dirty Cops") sowie dem hartnäckigen Bestreben der als Therapeutin tätigen Missy, Chris durch Hypnose bei seinem Kampf gegen die Nikotinsucht zu helfen, wird die Situation für diesen jedoch relativ unangenehmen. Ganz zu schweigen davon, daß sich die schwarzen Bediensteten der Armitages eher noch merkwürdiger verhalten als ihre Arbeitgeber …

Kritik:
Es gibt nicht viele Filme, die sich so hartnäckig einer eindeutigen Kategorisierung verweigern wie "Get Out". Ist es eine Horrorkomödie? Ein Psychothriller? Oder eine Gesellschaftssatire? All diese Genrebezeichnungen und noch einige weitere sind in Kritiken zum bemerkenswerten Regiedebüt des afroamerikanischen Komikers Jordan Peele (bekannt durch die Comedy-Show "Key and Peele" und als Schauspieler in der ersten Staffel der TV-Serie "Fargo") zu finden und alle haben ihre Berechtigung. Die Horrorelemente sind am offensichtlichsten, doch der wahre Erfolgsfaktor dürfte die ausgeprägte gesellschaftskritische Komponente sein. Mit der hat Peele offensichtlich einen Nerv getroffen, weshalb der für nur $4,5 Mio. produzierte "Get Out" in den USA mit mehr als $175 Mio. Einspielergebnis völlig überraschend zu einem der kommerziell erfolgreichsten Horrorfilme aller Zeiten avanciert ist (erfolgreicher waren nur "The Sixth Sense", "Der weiße Hai", "Ghostbusters" und "Der Exorzist" – wobei man aus dem Quartett eigentlich nur "Der Exorzist" ohne Diskussion als Horrorfilm bezeichnen kann). Jordan Peele nutzt ein Genre, das immer noch für Klischees wie "der Schwarze stirbt zuerst" berühmt-berüchtigt ist, um ihm einen selbstbewußten afroamerikanischen Spin zu geben. Natürlich ist "Get Out" nicht der erste Horrorfilm mit einem schwarzen Protagonisten (man denke etwa an George Romeros Zombie-Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten") und selbstverständlich gab es auch bereits viele Genreproduktionen mit rassistischen Weißen als Antagonisten. Aber in "Get Out" sind es eben nicht die axtschwingenden Rednecks, die Chris bedrohen, sondern weiße Liberale, und die Bedrohung ist – zumindest auf den ersten Blick – deutlich subtiler, unterschwellig und so schwer greifbar, daß sie sich für Chris wie auch für die Zuschauer lange Zeit auf ein gekonnt geschürtes vages, aber untrügbares "da stimmt doch irgendwas nicht"-Gefühl beschränkt.

Dabei kommt dann auch die Humorkomponente des Films zum Tragen, denn Peele nimmt die klassische "Rat mal, wer zum Essen kommt"-Prämisse des gemischtrassigen Pärchens beim Elternbesuch und er spielt mit den Erwartungen des Publikums, die er manchmal bedient (etwa mit einigen typischen Fremdschäm-Kommentaren des Vaters, die nichts mit Chris' Hautfarbe zu tun haben), manchmal aber auch umgeht – und gelegentlich bis ins Groteske übertreibt. Beispielhaft dafür steht eine große Gartenparty der Armitages, deren fast ausnahmslos weiße Gäste Chris bei aller betonten Freundlichkeit so behandeln, als wäre er ein Ausstellungsstück im Museum. Und dann wären da noch die beiden afroamerikanischen Haushaltsmitglieder, das Hausmädchen Georgina (Betty Gabriel aus "The Purge: Election Year") und der Gärtner Walter (Marcus Henderson, "Elliot, der Drache"), die Chris mit ihrem unnatürlichen Verhalten und ihren maskenhaften Grinsegrimassen erst so richtig beunruhigen – und cinephile Zuschauer schwer an den Genreklassiker "Die Frauen von Stepford" erinnern. Des Rätsels Lösung (die erkennbar von einem etwa zehn Jahre älteren Horrorfilm inspiriert ist, den ich wegen akuter Spoilergefahr hier aber nicht benennen werde) werde ich selbstverständlich nicht verraten, aber es ist recht kreativ und, wenn man es nicht ganz so wichtig mit dem Realismus nimmt, durchaus logisch. Gleichzeitig wirkt die Auflösung aus einer europäischen Perspektive jedoch ziemlich paranoid. Natürlich muß man Peele seine künstlerische Freiheit zugestehen und ebenso das Stilmittel der Übertreibung – zumal er in seiner Allegorie auf den afroamerikanischen Alltag in den USA valide, nachvollziehe Argumente vorbringt und sie clever-amüsant verpackt. Trotzdem dürfte es so sein, daß man als Nicht-(Afro-)Amerikaner zumindest nicht alle der mal mehr, mal weniger versteckten gesellschaftskritischen Punkte wirklich verstehen kann und sie teils wahrscheinlich nicht einmal bemerkt – selbst wenn man gut über die spätestens seit der Trump-Ära wieder bedenklich zunehmenden Spannungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen und den Alltagsrassismus gegenüber Minderheiten informiert ist (auch die hanebüchene, vor allem von Trump-Anhängern beförderte Theorie, wonach es inzwischen angeblich die Weißen seien, die systematisch diskriminiert würden, greift "Get Out" spielerisch auf). Angesichts des generellen Unterhaltsamkeitsgrads ist das nicht tragisch, es soll aber auch nicht verschwiegen werden und dürfte ein maßgeblicher Grund dafür sein, daß Peeles Werk in den USA ein großer Hit ist, im Rest der Welt dagegen trotz starker Kritiken eher wie ein durchschnittlicher Genrebeitrag läuft.

Als Horrorfilm bewegt sich "Get Out" derweil auf vertrauteren Bahnen als ich das angesichts der Kritiken vermutet hatte. Überall wird dazu geraten, man solle den Film mit möglichst wenig Vorwissen anschauen, um sich von den vielen Ideen und Wendungen überraschen zu lassen – diese Warnung halte ich aber für deutlich übertrieben, denn in seinen Grundzügen läßt sich der gegen Ende ziemlich blutige Storyverlauf recht bald erahnen, das Unerwartete beschränkt sich eher auf die Details. Bei denen beweist Peele jedoch sein Wissen und Können unter anderem in Form gewitzter Genrezitate oder einer Ironisierung klassischer Horrorklischees. Das fängt schon mit dem schwarzhumorigen, von dem während des Zweiten Weltkrieges entstandenen Ohrwurm "Run Rabbit Run" (für dessen Umschreibung mir partout kein besserer Begriff als "creepy" einfällt) Prolog an – in dem es zur Abwechslung ein Schwarzer ist, der zunehmend verunsichert über die Schulter schaut, als er sich in das "falsche" Vorort-Viertel verlaufen hat –, umfaßt aber beispielsweise auch betont sinnlose "Jump Scares", worüber ich als Feind billiger Jump Scares (die in vielen Horrorfilmen leider immer noch Usus sind) mich besonders gefreut habe … Die Figuren in "Get Out" sind dank der ungewöhnlichen Ausgangssituation erfrischend anders, dabei wirken sie absolut authentisch. Vor allem Daniel Kaluuya und Allison Williams geben ein gut harmonierendes, glaubwürdiges Paar ab, wobei Chris erfreulicherweise nicht als eindimensionaler Held gezeichnet wird, sondern sich mitunter durchaus fragwürdig verhält – ist es nicht auch eine Art von Rassismus, wenn er bei einer Gartenparty voller reicher Weißer freudestrahlend auf den einzigen Schwarzen zugeht und diesen mit einem jovialen "Yo, Bruder" begrüßt? Wenngleich das angesichts der für Chris zunehmend ungemütlichen Gesamtsituation als Exot, der von den stets übertrieben zuvorkommenden Weißen begafft und betatscht wird, zugegebenermaßen eine vollkommen verständliche Reaktion ist ...

Angesichts der ungeheuren Rentabilität von "Get Out" dürfte eine Fortsetzung nur eine Frage der Zeit sein, wobei Peele zwar offen dafür ist, jedoch noch nicht entschieden hat, ob und wie genau es weitergehen soll – es kann auch sein, daß "Get Out 2" eine komplett neue Story erzählen wird (ähnlich wie bei J.J. Abrams' "Cloverfield"-Universum).

Fazit: "Get Out" ist ein gewitzter satirischer Horrorthriller mit Mystery-Elementen, der eine sehr schwarzhumorige, betont gesellschaftskritische Geschichte mit authentischen Figuren erzählt, sich allerdings bei aller Cleverneß nicht komplett von jenen Genreklischees lösen kann, die er parodiert.

Wertung: 7,5 Punkte.


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