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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 26. Dezember 2012

LIFE OF PI – SCHIFFBRUCH MIT TIGER (3D, 2012)

Regie: Ang Lee, Drehbuch: David Magee, Musik: Mychael Danna
Darsteller: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Rafe Spall, Adil Hussain, Tabu, Shravanthi Sainath, Elie Alouf, Gérard Depardieu
 Life of Pi
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 87% (7,9); weltweites Einspielergebnis: $609,0 Mio.
FSK: 12, Dauer: 127 Minuten.

Ein kanadischer Schriftsteller (Rafe Spall, "Anonymus", "Prometheus") arbeitet in Indien an einem neuen Roman, doch kommt er nicht recht voran und gibt nach zwei Jahren schließlich auf. Als er frustriert in einer Bar sitzt, verwickelt ihn ein älterer Inder ins Gespräch, der dem Autor ob seiner Schreibblockade rät, den inzwischen in Kanada wohnenden Sohn seines besten Freundes aufzusuchen. Dieser könne ihm eine unglaubliche Geschichte erzählen, die ihn bestimmt zu einem Buch inspirieren würde. Der Autor folgt dem Rat und trifft sich mit Pi Patel (Irrfan Khan, "Slumdog Millionär", "The Amazing Spider-Man"), der ihm bereitwillig aus seinem Leben erzählt. Die prägendste Eigenschaft Pis ist seine ungezähmte Neugier, die unter anderem dazu führt, daß er bereits als Kind Hindu, Christ UND Moslem wird. Seinem Vater, einem Zoodirektor, der streng auf Vernunft und Wissenschaft vertraut, gefällt das zwar nicht sonderlich, doch Pi läßt sich nicht davon abbringen. Als der inzwischen 16-jährige Pi (Suraj Sharma) gerade die erste Liebe erlebt, beschließt sein Vater, nach Kanada zu emigrieren, wo er sich ein besseres Leben für seine Familie erhofft. Doch der Frachter, auf dem die Überfahrt samt aller Zootiere (die sich in der neuen Heimat viel teurer verkaufen lassen als in Indien) vonstattengeht, kentert eines Nachts in einem gewaltigen Sturm und Pi findet sich in einem Rettungsboot wieder. Seine einzigen Gefährten: Ein verletztes Zebra, ein Orang-Utan, eine Hyäne – und ein hungriger bengalischer Tiger namens Richard Parker ...

Kritik:
Zu der beeindruckenden Zahl von Büchern, die mit dem Prädikat "unverfilmbar" versehen wurden, zählte auch der im Jahr 2001 erschienene Roman "Schiffbruch mit Tiger" des kanadischen Schriftstellers Yann Martel. ufig bezieht sich die Skepsis gegenüber einer Filmadaption auf die technischen Möglichkeiten, mindestens genauso oft aber auch auf den Inhalt oder die Form. Während sich erstgenanntes Problem über kurz oder lang selbst erledigt (bestes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: "Der Herr der Ringe"), sind inhaltliche Beschränkungen nur schwer zu überwinden. Versucht man es dennoch, kann das gut funktionieren ("Cloud Atlas") oder auch nicht so gut (z.B. "Ulysses"). Bei "Life of Pi" kamen technische und inhaltliche Probleme zusammen, die eine Kinoadaption erschweren sollten. Einen Film zu drehen, der sich lange Zeit darum dreht, wie ein Mensch und ein Tiger in einem Rettungsboot ums Überleben kämpfen, ist mit einem echten Tier schließlich kaum möglich. Man müßte so extensiv zu technischen Tricks und Montagen greifen, daß es unweigerlich der Glaubwürdigkeit des Films schaden würde. Mittlerweile ist die Technik aber soweit, daß man für den Großteil der Szenen einen computergenerierten Tiger einsetzen konnte, ohne daß dies dem Publikum auffällt. Schwieriger umsetzen ließ sich dagegen die inhaltliche Dimension der vielschichtigen und zahlreiche Interpretationen ermöglichenden Vorlage, die sich unter anderem mit Religion und Philosphie beschäftigt. Der taiwanesische Regisseur Ang Lee ("Tiger & Dragon", "Der Eissturm"), der für "Life of Pi" nach "Brokeback Mountain" bereits seinen zweiten Regie-OSCAR gewann (kurioserweise jeweils ohne korrespondieren "Best Picture"-Sieg), und Drehbuch-Autor David Magee ("Wenn Träume fliegen lernen") haben dennoch versucht, die Geschichte mehr oder weniger auf ihren Kern zu reduzieren und sie dafür bildgewaltig in Szene zu setzen – mit beachtlichem Erfolg.

Streng genommen geschieht gar nicht so viel in "Life of Pi". Die Vorgeschichte um Pis Kindheit und den Aufbruch aus Indien bringt den sympathischen Protagonisten dem Zuschauer näher und führt vor allem dessen Religiosität ein, die eine recht gewichtige Rolle in der Handlung einnimmt. Doch sobald sich Pi und seine tierischen Gefährten wider Willen auf dem immerhin mit Proviant ausgerüsteten Rettungsboot wiederfinden, dreht sich fast alles um das fragile Machtgefüge vor allem zwischen dem jungen Mann und dem bengalischen Tiger, der ihn seit seiner Kindheit fasziniert hat. Der verzweifelte Überlebenskampf erinnert an Robert Zemeckis' "Cast Away Verschollen" mit Tom Hanks, nur daß Pi auf See naturgemäß noch weit weniger Handlungsoptionen hat als es auf einer menschenleeren Insel der Fall wäre. Zumal seine Bewegungsfreiheit durch den Tiger noch weiter eingeschränkt wird. Pi muß schließlich nicht nur für sich Nahrung und Trinkwasser besorgen, sondern auch für "Richard Parker", damit dieser nicht einfach ihn frißt. Gerade im Vergleich zu "Cast Away" gelingt es Lee allerdings trotz aller Bildgewalt nicht so richtig, die Länge von Pis mehrmonatiger Odyssee spürbar werden zu lassen.

Die Widrigkeiten, denen sich die ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft ausgesetzt sieht, bebildert Ang Lee ausführlich, er läßt den Zuschauer regelrecht mit Pi – aber auch mit den Tieren – mitleiden. Dabei begeistert er jedoch ebenfalls immer wieder mit wunderschönen, teilweise an Ölgemälde erinnernden 3D-Bildkompositionen, mit denen sich der chilenische Kameramann Claudio Miranda seinen OSCAR (einen von vier des Films) verdient hat. Dennoch bleibt es dabei, daß im großen Mittelteil von "Life of Pi" wenig geschieht. Pis Versuche, sich irgendwie mit dem gefährlichen Tiger zu arrangieren, halten zwar die Spannung hoch, doch seine Gespräche mit und Reflexionen über Gott sind eindeutig Geschmackssache. Wenn man wie ich wenig mit Religion anfangen kann, dann wirken die entsprechenden Szenen auf Dauer doch etwas ermüdend, langweilig gar – obwohl es zugebebenermaßen absolut nachvollziehbar ist, daß ein gläubiger Mensch in Pis ausweglos erscheinender Lage sich seinem Glauben zuwendet. Doch Realitätsnähe ist nun einmal nicht immer gleichbedeutend mit einer guten Geschichte, und in meinen Augen sind Pis religiöse Überlegungen und Erleuchtungen vor allem etwas zu banal geraten. Die bemerkenswert ausdrucksstarke Darstellung Pis durch den indischen Newcomer Suraj Sharma in seinem Schauspieldebüt, in dem er bis hin zum überraschenden, sehr emotionalen Finale die meiste Zeit über komplett auf sich allein gestellt ist (durch den CGI-Einsatz konnte er bei den Dreharbeiten ja noch nicht einmal direkt mit dem Tiger interagieren), kompensiert das jedoch gut. Die übrigen Schauspieler bleiben dagegen Randfiguren, wiewohl Irrfan Khan, Rafe Spall, Gérard Depardieu (als rassistischer Schiffskoch) und die anderen ihre Nebenrollen souverän verkörpern.

Auf technischer Seite läßt sich dafür konstatieren, daß der 3D-Einsatz mit zum Besten gehört, was man in den letzten Jahren zu Gesicht bekam. Die angesprochenen phantasievollen Bildkompositionen sind dafür natürlich ebenso hilfreich wie das Hochsee-Setting, doch ist es generell beeindruckend, wie stilsicher und effektiv Regisseur Ang Lee und sein Team die Dreidimensionalität einsetzen und dem Gezeigten Tiefe verleihen – das erreicht durchaus "Avatar"-Niveau. Die Musik von Mychael Danna ist gelungen, aber recht unauffällig und bleibt meist dezent im Hintergrund. Dafür ist die Klangkulisse umso imposanter, zumal "Life of Pi" einer der ersten Filme ist, der – wie auch "Der Hobbit" – das neue Surround Sound-System Dolby Atmos nutzt. Damit können die Geräusche in einem Film noch viel genauer im Kinosaal "plaziert" werden als beim bisherigen Standard Dolby Surround, wodurch das Geschehen auf der Leinwand gerade im Zusammenspiel mit der 3D-Technik ungemein authentisch wirkt. In Deutschland läßt sich Dolby Atmos bisher nur in einem Kinosaal des Nürnberger CineCitta' erleben (gegen einen Aufpreis von einem Euro), aber angesichts der nachhaltigen Wirkung dürfte es schon bald größere Verbreitung finden – zumindest wenn es so raffiniert eingesetzt wird wie in "Life of Pi".

Fazit: "Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger" ist ein bildgewaltiger, vor allem in technischer Hinsicht beeindruckender Abenteuerfilm, der sein Publikum auch emotional berührt und lange nachwirkt, sich phasenweise aber vielleicht etwas zu sehr in wenig originellen religiös-philosophischen Überlegungen verliert.

Wertung: 8 Punkte.


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