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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 15. Dezember 2016

ROGUE ONE: A STAR WARS STORY (3D, 2016)

Regie: Gareth Edwards, Drehbuch: Chris Weitz und Tony Gilroy, Musik: Michael Giacchino
Darsteller: Felicity Jones, Diego Luna, Ben Mendelsohn, Donnie Yen, Jiang Wen, Alan Tudyk, Riz Ahmed, Mads Mikkelsen, Forest Whitaker, Genevieve O'Reilly, Jimmy Smits, Ben Daniels, Alistair Petrie, Ian McElhinney, Fares Fares, Babou Ceesay, Daniel Mays, Geraldine James, Valene Kane, Guy Henry, Rian Johnson, Warwick Davis, Anthony Daniels, James Earl Jones
 Star Wars: Rogue One
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 85% (7,5); FSK: 12, Dauer: 134 Minuten.

Als Jyn Erso (Felicity Jones, "Die Entdeckung der Unendlichkeit") ein Kind war, lebte sie mit ihren Eltern ein schlichtes und einsames, jedoch genügsames Leben als Landwirte auf einem unbedeutenden Planeten irgendwo am Rande des Imperiums. Unglücklicherweise ist ihr Vater Galen (Mads Mikkelsen, "Doctor Strange") ein meisterhafter Ingenieur, dessen Expertise das Imperium unbedingt benötigt, um seine neue, alles vernichtende Geheimwaffe fertigzustellen, die die Rebellion endgültig besiegen soll: den Todesstern. Als der mit dem Bau beauftragte Director Krennic (Ben Mendelsohn, "Killing Them Softly") Galen in seinem Versteck aufgespürt hat, zwingt er ihn zurück in den Dienst für das Imperium, doch die kleine Jyn kann dank der Hilfe von Galens altem Freund Saw Gerrera (Forest Whitaker, "Der Butler") entkommen. Als Erwachsene ist Jyn eine kriminelle Außenseiterin, die vom Imperium wegen diverser Delikte inhaftiert wurde – bis sie von den Männern des Rebellen Cassian (Diego Luna, "Open Range") befreit wird. Denn wie er erfahren hat, will der imperiale Pilot Bodhi Rook (Riz Ahmed, "Jason Bourne") überlaufen und hat Saw eine wichtige Botschaft von Galen überbracht. Da der wenig zimperliche Saw sich schon vor längerer Zeit im Unfrieden von den eher gemäßigt agierenden Rebellen getrennt hat, soll Jyn Kontakt zu dem Mann herstellen, der sie aufgezogen, dann aber einfach zurückgelassen hat ...

Kritik:
Als Walt Disney 2012 überraschend in einem Milliardengeschäft Lucasfilm übernahm, wurden die zwei wichtigsten Eckpfeiler der künftigen Strategie bezüglich des "Star Wars"-Franchise bekanntgegeben: Es gibt eine direkte Fortsetzung der Episoden I bis VI – und zwischendurch mehr oder weniger eigenständige Spin-Offs zu verschiedensten Themen (2018 wird es einen Film über den jungen Han Solo geben, außerdem gelten Geschichten über den Kopfgeldjäger Boba Fett sowie den dann erneut von Ewan McGregor zu verkörpernden Jedimeister Obi-Wan Kenobi als reelle Möglichkeiten). Nachdem Ende 2015 "Episode VII: Das Erwachen der Macht" dem unglaublich hohen Erwartungsdruck standhalten konnte und zum (nicht inflationsbereinigt) dritterfolgreichsten Film aller Zeiten hinter "Avatar" und "Titanic" aufstieg, folgt nun mit "Rogue One" das erste, mit Spannung erwartete Produkt der Nebenreihe. Die Kritiker sind sich nicht ganz einig, ob "Rogue One" nun vorrangig den echten "Star Wars"-Fans gefallen wird oder sich auch als Einstiegspunkt für neue Zuschauer eignet. Ich persönlich tendiere zur ersten Option – nicht, weil der Film inhaltlich für Neueinsteiger schwierig zu verstehen wäre, sondern weil er stilistisch bei allen für die Fans tollen Querverweisen doch ganz anders ist als die Hauptreihe und somit kaum repräsentativ für das "Star Wars"-Universum. Schlecht ist das wohlgemerkt nicht, vielmehr ist es schön zu sehen, wie der Regisseur Gareth Edwards ("Godzilla") und die Drehbuch-Autoren Chris Weitz ("Cinderella") und Tony Gilroy ("Michael Clayton") ihre Freiheiten nutzen. Sie haben einen kompromißlosen Science Fiction-Kriegsfilm geschaffen, dessen Ton grimmiger ist als der aller bisherigen "Star Wars"-Filme (ja, auch "Episode III"; dessen Story über den Fall Anakin Skywalkers hatte zwar in der Theorie ein deutlich höheres emotionales Gewicht, konnte dieses durch eine stark mängelbehaftete Umsetzung jedoch nur sehr bedingt zum Tragen bringen), quasi eine Weltraum-Version von "Das dreckige Dutzend" (wenn auch ohne wirklich brutale Szenen, was bei der Altersfreigabe ab 12 Jahren niemanden verwundern dürfte) – wem "Episode VII" sich also zu sehr an altbekannten Handlungsmustern orientierte, der darf sich hier auf etwas wirklich Neues im Franchise freuen.

Witzigerweise habe ich dieses erste "Star Wars"-Spin-Off genau zwei Tage gesehen, nachdem ich mir im Kino das erste "Harry Potter"-Spin-Off namens "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" zu Gemüte führte. Den direkten Vergleich gewinnt in meinen Augen knapp "Phantastische Tierwesen" und dafür gibt es einen Grund: ausgefeiltere Charaktere. Wo sich "Phantastische Tierwesen" oder auch "Star Wars Episode VII" mit Rey und Finn relativ viel Zeit ließ, um das Publikum mit den neuen Protagonisten vertraut zu machen und eine emotionale Bindung aufzubauen, geht "Rogue One" nach dem in Jyns Kindheit spielenden Prolog schnell in die Vollen (und verzichtet übrigens auf den berühmten erklärenden Rolltext ebenso wie auf John Williams' noch berühmtere "Star Wars"-Fanfare). Nach einem Wiedersehen mit zwei Überlebenden der Prequel-Trilogie – Genevieve O'Reilly kehrt zurück als nun Rebellenanführerin Mon Mothma, Jimmy Smits als Leias Adoptivvater, Senator Bail Organa – dominieren fast bis zum Schluß actionreiche Szenen ohne größere Pausen dazwischen. Abgesehen von ein paar "Star Wars"-typisch recht pathetischen (aber durchaus effektiven) Ansprachen müssen wir das sich nach und nach zusammenfindende Helden-Sextett (wobei "Helden" angesichts der betont ambivalent gehaltenen Figuren ein relativer Begriff ist) weniger durch Worte als durch Taten kennenlernen. Das gelingt auch ziemlich gut, sind doch die im Zentrum stehenden Jyn und Cassian ebenso interessant und markant wie ihre Gefährten K-2SO (Alan Tudyk aus "Serenity" spielt nach "I, Robot" erneut per Motion Capture einen Roboter) – ein umprogrammierter, mit seinem sehr trockenen Humor meines Erachtens vom kultigen HK-47 aus dem Computerspiel "Knights of the Old Republic" inspirierter imperialer Sicherheitsdroide –, der blinde ehemalige Jeditempel-Wächter Chirrut Îmwe (Donnie Yen, "Ip Man"), sein Freund Baze Malbus (Jiang Wen, "The Lost Bladesman") und der übergelaufene Pilot Bodhi Rook. Bemerkenswert: Kein einziger dieses bunt zusammengewürfelten Sextetts ist ein weißer Mann! Ehrlich gesagt kann ich es ja immer noch nicht fassen, daß die Martial Arts-Legende Donnie Yen in einem "Star Wars"-Film mitspielt – doch er tut es und darf zeigen, was er alles kann (und den besten Gag des Films bekommt er auch noch spendiert). Schauspielerisch hat mich jedoch Diego Luna am stärksten beeindruckt, dessen Cassian auch die größte Charaktertiefe aufweist, sogar mehr als die eigentliche Hauptheldin Jyn (eine Rolle, die die großartige Felicity Jones ehrlich gesagt eher unterfordert). Doch um all diesen spannenden Figuren wirklich nahezukommen, haben sie einfach zu wenig ruhige Momente zwischen all den Kampfhandlungen. Bezeichnend dafür ist, daß Chirrut Îmwe und Baze Malbus niemals ausdrücklich in die Gruppe aufgenommen werden – man trifft sich, man erkennt, daß man gemeinsame Feinde hat, und ab da arbeitet man wie selbstverständlich zusammen. Na gut, inhaltlich hätte es wahrscheinlich nicht so viel gebracht, wenn man vor dieser Zusammenarbeit erst noch eine ausführliche Gesprächsrunde gezeigt hätte, realistischer wäre das aber schon gewesen – zumal Vertrauen und dessen Mißbrauch durchaus eine Rolle spielen im Rahmen der Handlung.

Für Actionverweigerer ist "Rogue One" definitiv nicht geeignet. Alle anderen dürfen sich auf ein wahres Actionfeuerwerk freuen, brillant gefilmt und choreographiert, mit einer aufpeitschenden Musik von Michael Giacchino ("Cloverfield") – dem ersten "Star Wars"-Komponisten, der nicht John Williams heißt, auch wenn er sich natürlich an dessen ikonischen Melodien orientierte und einige direkt mit bestimmten Personen in Verbindung stehende Themen übernahm – und einer herausragenden Tongestaltung, die den Kriegsfilm-Aspekt gerade in einem Kinosaal, der mit Dolby Atmos ausgerüstet ist, hautnah erfahrbar zu machen scheint. Die Raumschlachten fallen ebenso spektakulär aus wie die Gefechte am Boden (in erfreulich abwechslungsreichen Gebieten), dazu sorgen perfekt getimte und präsentierte Auftritte ikonischer Kampfgeräte wie der imperialen AT-AT-Kampfläufer oder natürlich der X-Wing-Sternjäger der Rebellenallianz. Wie gesagt, das alles ist hochgradig kompetent in Szene gesetzt und sorgt für einige spannende Momente – nur gehen die (ähnlich wie bei "Phantastische Tierwesen") ziemlich dünne Story und die Figuren dabei etwas unter. Das ist schon deshalb schade, weil die Selbstmordmission von Jyn und ihren Gefährten erwartungsgemäß nicht ohne Opfer bleibt, die so aber nicht jene Wucht entfalten können, die bei sorgfältigerer Etablierung der Figuren möglich gewesen wäre. Dennoch ist es ohne Zweifel beeindruckend und lobenswert, mit welch brutaler Konsequenz die Filmemacher diese Kriegsstory zu ihrem (eigentlich ja bekannten) Ende führen. Nein, als SciFi-Märchen kann man "Rogue One" definitiv nicht mehr bezeichnen …

Bei aller technischen Brillanz gibt es jedoch einen Wermutstropfen. Ohne spoilern zu wollen: Eine Person aus "Episode IV" – bei der ich mich im Vorfeld schon gefragt hatte, wie "Rogue One" komplett ohne sie funktionieren soll – tritt hier auf, indem das Gesicht des ursprünglichen Schauspielers per CGI-Zauberei auf den Körper des neuen Schauspielers projiziert wird. Und daß es sich eben nicht um ein echtes, menschliches Gesicht handelt, ist ziemlich deutlich zu erkennen. In zehn Jahren wird das vermutlich kein Problem sein, dann wird man das mit der neuesten Technologie überarbeiten und es wird vollkommen realistisch aussehen – heute ist das noch nicht möglich und ich empfand das CGI-Gesicht schon als ein wenig störend. Bei einem anderen Rückkehrer, der bereits in den Trailern beworben wurde und über den ich daher ohne Spoilergefahr schreiben kann, ist das zum Glück nicht der Fall: Darth Vader ist zurück – und wird in der Originalfassung (die ich gesehen habe) sogar wieder vom inzwischen weit über 80 Jahre alten James Earl Jones gesprochen! Zugegeben, dramaturgisch sind Darth Vaders kurze Auftritte eigentlich überflüssig, aber erstens freut sich vermutlich jeder "Star Wars"-Fan trotzdem über sein Comeback und zweitens ermöglicht dieses erst die – ohne Übertreibung – überragend inszenierte und unweigerlich gänsehauterzeugende direkte Überleitung von "Rogue One" zu "Episode IV: Eine neue Hoffnung". Da kann man auch verschmerzen, daß Vader den eigentlichen Filmbösewicht Orson Krennic in den Schatten stellt, auch wenn der Australier Ben Mendelsohn noch einiges aus dieser arg stereotyp geratenen Figur herausholt.

Für sich genommen ist "Rogue One" fraglos ein guter, aber kein überragender Film, der klar zu benennende Stärken und Schwächen hat. Ich glaube jedoch, daß er seine wahre Wirkung erst als Teil des "Star Wars"-Universums entfaltet. Um diese These vollumfänglich zu überprüfen, müßte ich nun erst einmal zumindest "Episode IV" noch einmal anschauen, doch auch ohne das getan zu haben, bin ich mir sicher, daß sich die Geschehnisse von "Rogue One" positiv auf "Eine neue Hoffnung" auswirken. Es ist einfach etwas anderes, ob man in "Eine neue Hoffnung" erfährt, daß die Rebellen unter Verlusten die Baupläne für den Todesstern bekommen konnten, oder ob man es tatsächlich sieht, mehr als zwei Stunden lang den Helden wider Willen dabei zusieht, wie sie mit unmenschlichen Anstrenungen und schmerzlichen Opfern alles riskieren, um diese vermaledeiten Pläne zu erringen. Und so ganz nebenbei erhöht "Rogue One" sogar die Glaubwürdigkeit von "Eine neue Hoffnung", bei dem es ja nie so richtig realistisch wirkte, daß der gigantische Todesstern sich mit einem (wenn auch extrem schwierig zu erzielenden) Treffer vernichten läßt. Mit dem, was wir in "Rogue One" erfahren, ergibt das plötzlich Sinn – wunderbar! Fest steht: Wenngleich die Düsternis von "Rogue One" sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist, stellt er einen absolut gelungenen Auftakt der "Star Wars"-Spin-Offs dar und macht Lust auf mehr Geschichten von vor langer Zeit aus einer weit, weit entfernten Galaxis

Fazit: "Rogue One: A Star Wars Story" ist ein gelungenes, optisch und akustisch brillantes Spin-Off, das mit einem neuen, düsteren, deutlich an Kriegsfilme angelehnten Stil den Horizont der populären SciFi-Reihe erweitert – wenngleich bei all der Action Handlung und Charaktere etwas kurz kommen.

Wertung: 8 Punkte.

Wen es interessiert, hier meine persönliche Rangfolge aller bisherigen "Star Wars"-Kinofilme:
1. Episode V: Das Imperium schlägt zurück (10)
2. Episode VII: Das Erwachen der Macht (9)
3. Episode III: Die Rückkehr der Jediritter (8,5)
4. Rogue One (8)
5. Episode II: Angriff der Klonkrieger (8)
6. Episode IV: Eine neue Hoffnung (7,5)
7. Episode I: Die dunkle Bedrohung (6,5)
8. Episode III: Die Rache der Sith (6)


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