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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 9. Februar 2017

JACKIE (2016)

Regie: Pablo Larraín, Drehbuch: Noah Oppenheim, Musik: Mica Levi
Darsteller: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Billy Crudup, Sir John Hurt, Greta Gerwig, John Carroll Lynch, Beth Grant, Richard E. Grant, Caspar Phillipson, Max Casella
 Jackie: Die First Lady
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 89% (7,9); weltweites Einspielergebnis: $23,7 Mio.
FSK: 12, Dauer: 100 Minuten.

Ende November 1963: Eine Woche nach der Ermordung ihres Ehemannes John F. Kennedy, des 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, gewährt seine Witwe Jackie (Natalie Portman, "Black Swan") einem Reporter (Billy Crudup, "Spotlight") ein ausführliches Interview am Sommersitz der Familie Kennedy – allerdings nach ihren ganz eigenen Regeln. Während sie dem Reporter unter widerstreitenden Gefühlen davon erzählt, wie sie das Attentat und die quälenden Stunden und Tage danach erlebt hat, in denen sie sich in die Vorbereitungen auf die Beerdigung ihres Ehemannes stürzte in dem Bemühen, JFKs Vermächtnis für alle Zeiten in der amerikanischen Geschichte zu zementieren, kommen ihr andere Erinnerungen in den Sinn. Sie denkt an glückliche Momente mit "Jack" (Kennedys Rufname) und den gemeinsamen Kindern, jedoch auch an ihre offenen Gespräche mit einem Priester (Sir John Hurt, "Alien") nach dem Attentat. Vor allem geht es ihr in diesem Interview allerdings – wie sie offen zugibt – darum, der Öffentlichkeit ihre Version der tragischen Geschichte zu erzählen …

Kritik:
Mit Biopics ist das so eine Sache. Sie sind weltweit auf Produzentenseite beliebt (schließlich hat jedes Land historische Persönlichkeiten, deren Leben aufregend oder inspirierend genug war, um auf der Leinwand nacherzählt zu werden), erzielen nicht selten kommerzielle Erfolge und sind bei Preisverleihungen sehr beliebt. Allerdings hat das Genre auch das Problem, daß es auf den ersten Blick recht unflexibel daherkommt. Konventionelle Biopics wirken beinahe zwangsläufig eher anekdotenhaft, weil sie sich nunmal von einem wichtigen Ereignis im Leben der zentralen Figur zum nächsten hangeln und nur selten eine wirklich konsistente Handlung erzählen können – schließlich wird das Leben nicht von einem Dramaturgen geschrieben (auch wenn man in Ausnahmefällen durchaus den Eindruck haben könnte …). Versuche, diese starre Struktur aufzubrechen, gibt es immer wieder; ein aktueller Trend scheint die Konzentration auf eine vergleichsweise kurze Zeitspanne zu sein. Anstelle einer Nacherzählung des kompletten Lebens steht also eine (vermeintlich) besonders prägende Zeit im Fokus, manchmal – wie bei Danny Boyles "Steve Jobs" – auch mehrere Phasen, die aber thematisch stark verbunden sind. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín ("Neruda") geht in seinem englischsprachigen Debüt auf Grundlage des exzellent ausgearbeiteten Drehbuchs von Noah Oppenheim ("Maze Runner") ähnlich vor und charakterisiert Jackie Kennedy anhand ihrer Reaktion auf die Ermordung ihres Ehemannes, wobei ihr Psychogramm durch einige Rückblenden komplettiert wird. Es ist eine kunstvolle Methode und sie funtkioniert ausgezeichnet, denn wenngleich der für drei OSCARS (Hauptdarstellerin, Musik, Kostüme) nominierte "Jackie" nicht wirklich eine Geschichte erzählt, ist der Film ein komplexes, durch das Durcheinanderwürfeln mehrerer (nicht weit voneinander entfernter) Zeitebenen kreiertes Portrait einer außergewöhnlichen Frau geworden, das ebenso berührt wie fasziniert.

Als Rahmenhandlung in der Filmgegenwart dient das Interview, das Jackie eine Woche nach dem Attentat nach ihren eigenen Regeln einem passenderweise namenlos bleibenden Reporter gibt (in der Realität war das Theodore H. White vom "LIFE Magainze"). Heutzutage ist es – vor allem in Europa, in den USA eigentlich weniger – ganz normal, daß Interview-Partner vor der Veröffentlichung den gesamten Text absegnen, wobei es öfters zu teilweise sehr umfangreichen Korrekturen kommt (die wiederum dazu führen können, daß die jeweilige Publikation ganz auf die Veröffentlichung verzichtet). Jackie Kennedy hat genau das schon damals getan. Natürlich spekuliert der Film in der Hinsicht ein wenig, aber angesichts der Tatsache, daß das mehrere Stunden andauernde Gespräch zwischen White und Jackie zu einem gerade zweiseitigen Text führte, wirkt es absolut glaubwürdig, daß die frühere First Lady der USA White vieles erzählte, das er dann nicht schreiben durfte. In der Filmversion dieses Interviews blickt Jackie – teils dem Reporter gegenüber, teils in Gedanken – auf verschiedene Momente der Vergangenheit zurück. Während manche Sachen nur kurz angeschnitten werden (das Attentat selbst; eine Geburtstagsfeier des Sohnes Jack Jr.; JFKs Lieblingssong aus dem Musical "Camelot", der später zum Aufhänger des Artikels wurde), stechen vor allem zwei Handlungsstränge heraus. Der eine ist die Aufzeichnung einer CBS-Fernsehsendung ein Jahr nach Kennedys Amtsantritt (also knapp zwei Jahre vor seiner Ermordung), in der Jackie Amerika durch das Weiße Haus führt und dieses damit erstmals in Gänze der Öffentlichkeit vorführt. Dieser Rückblick dient vor allem dazu, Jackie zu einer fröhlicheren Zeit zu zeigen, als die Präsidentschaft ihres Mannes an ihrem hoffnungsvollen Beginn stand und sie und ihr Mann (und dessen Bruder Bobby) so viele idealistische Pläne für die USA hatten. Zugleich war die Sendung ein wichtiger Bestandteil von Jackies raschem Aufstieg nicht nur zu einer Modeikone, sondern auch zu einer Vorbildfigur für viele Frauen – eine Stellung, die mutmaßlich ihr PR-Bewußtsein förderte, das sie nach dem Tod ihres Mannes mit aller Macht anwendet, um ihn gewissermaßen unsterblich zu machen.

Noch wichtiger als die Sendung ist aber natürlich jener Erzählstrang, der Jackie in den Stunden und Tagen nach dem Attentat zeigt. Die Persönlichkeit, die die junge Witwe im Film in dieser Zeit entwickeln darf, ist erfreulich komplex und ambivalent und dabei sehr fesselnd geschildert, ohne Jackie zu glorifizieren. Während ihr Schwager Bobby Kennedy (Peter Sarsgaard, "Die glorreichen Sieben"), der wichtigste Berater seines Bruders und viereinhalb Jahre später selbst Attentats-Opfer, beispielsweise nicht über die entscheidenden Momente sprechen will, kann Jackie gar nicht anders, als das Erlebte wieder und wieder durchzuspielen. Auch von anderen Anwesenden läßt sie sich genau schildern, was sie beobachtet und erlebt haben; ein bißchen wirkt das wie Selbstkasteiung, zumal sie sich tatsächlich Vorwürfe macht, nicht genug getan zu haben, um ihren Mann zu retten. In den Stunden nach dem Tod des Präsidenten ist Jackie faszinierenderweise gleichermaßen eine gebrochene Ehefrau und eine unbeugsame öffentliche Person. Alleine ihre trotzige Entscheidung, die Kennedys Sarg transportierende Air Force One aufrecht in der noch mit dem Blut ihres Mannes besudelten Kleidung zu verlassen, damit auch jeder sieht, was man ihr und ihrer Familie angetan hat, ist von einer kaltblütigen Brillanz, von der man nicht weiß, ob man sie mehr bewundern oder fürchten soll. Auch sonst weiß Jackie ganz genau, was sie will, sie denkt ausgesprochen strategisch und plant Kennedys Beerdigung so, daß die Welt sie und JFKs politisches Vermächtnis – von dem selbst Bobby frustriert sagt, daß er eigentlich gar nicht genug Zeit hatte, eines zu hinterlassen – niemals vergessen wird.

Denn Jackie weiß genau, daß vor ihrem Gatten bereits drei US-Präsidenten im Amt ermordet wurden, doch während bei Garfield und Wilson selbst viele Amerikaner nicht mal mehr wissen, daß sie frühere Präsidenten sind, blieb nur Lincoln unvergessen. Also liest sie alle möglichen Bücher über ihn und seine Beerdigung, um zu verstehen, warum ausgerechnet Lincoln die Zeit überdauerte und wie sie das auch ihrem (trotz dessen Affären, die sie lediglich indirekt und in Metaphern erwähnt, wobei man aber an ihrem Gesicht genau ablesen kann, wie sehr die sie geschmerzt haben) geliebten Jack bescheren kann. Man kommt kaum umhin, sich zu fragen, was diese Frau mit ihrem Charisma, ihrer Klugheit, ihrer Willensstärke und vor allem ihrem strategischen Geschick hätte erreichen können, wäre sie einige Jahrzehnte später geboren und vielleicht selbst US-Präsidentin geworden … Doch so stark sich Jackie öffentlich auch gibt: In privaten Momenten, wenn sie niemand (außer manchmal engen Vertrauten) sehen kann, bricht sich der Schmerz immer wieder Bahn. Besonders jene Szene, in der sie ihren beiden kleinen Kindern den Tod des Vaters beibringt, ist wahrlich herzzerreißend! Halt geben Jackie eigentlich nur Bobby (dem es aber natürlich selbst nicht besser geht, weshalb sie ihre Wut und Trauer auch einmal gegenseitig aneinander auslassen), ihre loyale Assistentin Nancy (Greta Gerwig, "To Rome with Love") und ein ebenso mitfühlender wie altersweiser Priester (Sir John Hurt in einer seiner letzten Rollen), dem sie ihr Herz ausschütten kann. Die getragene, recht dominant eingesetzte Musik von Mica Levi ("Under the Skin") könnte man übrigens als ein bißchen arg bedeutungsschwanger betrachten, jedoch paßt sie zum Geschehen und untermalt vor allem Jackies Gemütszustand sehr passend. Etwas verwunderlich ist derweil, daß mit dem Salut des kleinen Jack jr. eines der ikonischsten Bilder von Kennedys Beerdigung im Film nicht vorkommt – vermutlich, weil eben Jackie Thema von Larraíns Werk ist und nicht ihre Kinder.

Wo ich nun aber die ganze Zeit nur über Jackie Kennedy schrieb, darf selbstredend ihre wie Komponist Levi OSCAR-nominierte Darstellerin Natalie Portman nicht vergessen werden. Die sieht Jackie Kennedy zwar halbwegs ähnlich, doch wenn es nur nach der Optik geht, gibt es einige bedeutende Unterschiede. So ist Portman zehn Zentimeter kleiner, dazu von deutlich zierlicherer Statur, außerdem hat sie ein schmaleres Gesicht. Das vergißt man im Film aber schnell, denn dafür paßt ansonsten fast alles an Portmans meisterhaft nuancierter Vorstellung – wobei man den Film in der Originalfassung sehen muß, um das voll anerkennen zu können, denn nicht nur Gestik, Mimik und Bewegungsablauf gleichen dem realen Vorbild fast perfekt, sondern auch und sogar vor allem Stimme, Tonlage und der eigenwillige, distinktive "Kennedy-Akzent" (ich habe es hinterher mit der echten CBS-Sendung verglichen, die man bei YouTube findet). Natalie Portman hat Jackie Kennedy penibel studiert und sie macht aus dem, was sie dabei gelernt hat, nicht nur eine seelenlose Imitation, sondern sie haucht Jackie echtes Leben und eine starke Persönlichkeit ein. Eine wahrlich OSCAR-reife Vorstellung in einem auch ohne echte Handlung rundum überzeugenden Charakterdrama!

Fazit: "Jackie" ist ein kunstvoll verschachteltes, sehr überzeugend dargebotenes Portrait der von Natalie Portman perfekt verkörperten Präsidentenwitwe Jackie Kennedy, das ihre Leiden, aber auch ihre große Willensstärke in den Tagen nach der Ermodung ihres Mannes John F. Kennedy einfühlsam und bewegend greifbar macht.

Wertung: 9 Punkte.

Wer mehr wissen will:
LIFE Magazine-Artikel: "An Epilogue"
Jacqueline Kennedy: White House Tour (YouTube)


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